Patient Monitoring Roundtable No°1 | 2026: Beep! Alarm oder nur Lärm? – Das Potential von UX Sound Design in der Gesundheitsversorgung

Save the Date: Der zweite Roundtable des Jahres findet am 12. März zum Thema “Digital Twins & Dashboards für datengetriebene Therapiestrategien in Klinik und Forschung” im BALTIC der Charité statt. Interessiert? Dann buche hier dein Ticket für eine On-Site oder Online-Teilnahme!
“Beep! Alarm oder nur Lärm? – Das Potential von UX Sound Design in der Gesundheitsversorgung.” – unter diesem Motto kamen wir am 28. Januar 2026 zum ersten Patient Monitoring Roundtable (PMRT) des Jahres im Berliner Simulations- and Trainingszentrum (BeST) zusammen.
Wenn Alarme töten: Warum das Gesundheitswesen eine Soundrevolution braucht
Die Keynote begann mit einem Alarm.
Kein futuristischer Sound oder nichts Elegantes – sondern das vertraute, schrille Piepen, das auf Intensivstationen weltweit ertönt. Ein historischer Klang in einer Welt voller Zukunftstechnologie. Johannes Helberger nutzte diesen Moment ganz bewusst, um zu zeigen, wie veraltet das Sounddesign in unseremGesundheitswesen noch immer ist. Mit Hilfe kurzer Szenarien und Soundbeispiele machte er eines schmerzhaft deutlich: Sound ist kein Randthema. Sound ist ein Sicherheitsfaktor.
Das Alarm-Beast
Kliniker:innen haben zwei zentrale Bewältigungsstrategien im Umgang mit der permanenten Alarmflut entwickelt:
- “Ban the beast”
- “Destroy what destroys you”
Mit anderen Worten: Alarme stummschalten, ignorieren oder leiser drehen, um den Arbeitstag zu überstehen.
Das ist kein individuelles Versagen von medizinischem Personal – es ist ein Versagen des Systemdesigns. Wie Olekey & Schlesinger (2019) es beschreiben, bietet das Gesundheitswesen derzeit „das Beste des schlechtesten Sound Experience Designs“. Eine tragische Folge davon ist Alarmmüdigkeit, die dazu führen kann und führt, dass kritische Alarme überhört oder deaktiviert werden und Patient:innen sterben.
Warum medizinische Alarme versagen
Die heutigen Alarme erzeugen eine negative Sound-Atmosphäre, die von Kliniker:innen als Lärm und nicht als Information wahrgenommen wird. Die zentralen Pain Points sind gut bekannt:
- Geringe Differenzierbarkeit – Alarme klingen zu ähnlich
- Geringe Verständlichkeit – es ist unklar, was der Alarm bedeutet
- Schlechte Lokalisierbarkeit – die Alarmquelle ist schwer zu identifizieren
- Problematische Frequenzen – hohe Frequenzen erhöhen Stress und Ermüdung
Trotz jahrzehntelanger technologischer Fortschritte in anderen Bereichen ist das Sounddesign weitgehend unverändert geblieben. Die Gründe für diesen Status quo sind eine Kombination aus fehlendem Bewusstsein, technologischer Stagnation und veralteten Standards.
Ein seltenes Zeitfenster der Chancen
Zum ersten Mal seit Jahren kommen mehrere Faktoren zusammen:
- Steigende Sensibilisierung für Sound als sicherheitskritisches Designelement
- Technologische Revolution im Audiobereich: sinkende Kosten, kleinere Hardware und psychoakustische Methoden
- Regulatorischer Druck: eine ISO-(R)evolution, die ab 2028 verpflichtend wird
Das öffnet den Raum für ein grundsätzliches Umdenken in der Alarmgestaltung – und auditive Icons könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen.
Warum auditive Icons wichtig sind
Auditive Icons sind Klänge, die reale Ereignisse widerspiegeln und dadurch intuitiv verständlich sind. Studien zeigen, dass es deutlich einfacher ist, gleichzeitige Alarme zu unterscheiden, wenn auditive Icons anstelle abstrakter Pieptöne verwendet werden (Edworthy et al., 2022).
Auditive Icons bieten genau das, was heutigen Alarmsystemen fehlt:
- Differenzierbarkeit
- Verständlichkeit
- Lokalisierbarkeit
- Bessere Nutzung von Stimme und niedrigeren Frequenzen
Statt gegen die Aufmerksamkeit der Nutzer:innen zu arbeiten, arbeiten sie mit der menschlichen Wahrnehmung.
Das wahre Potenzial von Sound
Gut gestalteter Sound kann weit mehr als nur warnen:
- Informieren – über Gerät oder Status
- Aufmerksamkeit lenken – eine knappe Ressource im klinischen Alltag
- Intuitive, kulturübergreifende Verständlichkeit ermöglichen
Sound hat ein enormes Potenzial, Ärzt:innen und Pflegekräfte hands-free und eyes-free arbeiten zu lassen, die Situationswahrnehmung zu verbessern und die kognitive Belastung zu reduzieren. Richtig eingesetzt adressiert dies direkt die Alarm-Fatigue – die, wie Johannes Helberger betonte, nicht die Ursache, sondern das Ergebnis vieler ungelöster Designprobleme ist.
Wie kann es funktionieren?
Der Weg nach vorne ist klar:
- Awareness: Soundqualität muss ein Entscheidungskriterium bei Beschaffungen werden – kein Nachgedanke.
- Hardware zuerst: Geräte müssen von Beginn an für Sprache und niedrigere Frequenzen ausgelegt sein.
- Forschung: Die Probleme sind belegt – nun müssen Lösungen mit derselben wissenschaftlichen Stringenz validiert werden.
Fazit
Das Gesundheitswesen verfügt über Spitzentechnologie – aber es klingt immer noch wie früher. Wenn wir sicherere Krankenhäuser, bessere Arbeitsbedingungen für medizinisches Personal, ein optimiertes Healing Environment für Patient:innen und weniger vermeidbare Todesfälle wollen, müssen wir Sound endlich ernst nehmen.
Denn Alarme sollten Leben retten – nicht gefährden.
Zum Schluss betonte Prof. Meisel: „Garbage in, garbage out“ – KI ist nur so gut wie die Daten dahinter. Self-supervised Learning und Explainable AI bleiben essenziell, damit Modelle echte Muster und keine Artefakte lernen.
Workshop: Von der Erfahrung zur Umsetzung
1. Hörexperiment: Status quo vs. Future Soundscape
Im ersten Workshop erlebten die Teilnehmer zwei unterschiedliche akustische OP-Umgebungen. Eine Gruppe hörte die heutigen Status-quo-Alarmsounds, die andere eine Future Soundscape, basierend auf alternativen Sounddesign-Prinzipien. Anschließend beantworteten die Teilnehmer eine Online-Befragung zur Bewertung der Alarme.
„Gute“ Sounds wurden im Dialog der Teilnehmenden durchgängig als naturbezogen, harmonisch und niederfrequent beschrieben. Negative Sounds hingegen wurden als plötzlich, laut, piepsend, penetrant oder durch extreme bzw. wechselnde Frequenzen charakterisiert.
In der abschließenden gemeinsamen Diskussion machten die Umfrageergebnisse den Unterschied zwischen altem und neuem Sounddesign deutlich sichtbar (siehe unten). Am stärksten zeigte sich der Effekt bei der Zuordnung der Alarme: Bei den neuen Sounds konnten alle Teilnehmer – unabhängig davon, ob sie aus Klinik, Industrie oder Forschung kamen – korrekt erkennen, zu welchem Vitalzeichen der Alarm gehörte. Bei den heute in Kliniken verwendeten Alarmen war dies eindeutig nicht der Fall.
2. Zukunftswerkstatt: Alarmsysteme bis 2035 neu denken
Der zweite Workshop widmete sich einer zukunftsorientierten Frage: Wenn wir akustische Alarmsysteme neu gestalten und bis 2035 in Krankenhäuser bringen wollen – was muss dafür passieren?
Mithilfe der Backcasting-Methode identifizierten die Teilnehmer zentrale Herausforderungen und Erfolgsfaktoren. Als besonders kritisch wurden benannt:
- Finanzierung
- Klinische Workflows
- Einbindung der Enduser:innen und Akzeptanz
- Regulatorische Rahmenbedingungen
- Forschungs- und Validierungsbedarf
Zusammen machten die Workshops deutlich, dass besseres Alarm-Sounddesign nicht nur möglich ist, sondern bei systematischem Vorgehen auch strategisch realisiert werden kann.
Nächster PMRT am 12. März im BALTIC
Wir freuen uns, euch am 12. März 2026 ab 16:30 zum zweiten Patient Monitoring Roundtable für 2026 im Baltic der Charité begrüßen zu dürfen! Thematisch liegt unser Fokus auf Digital Twins und Dashboards.
Dabei sein und nicht verpassen!
Der Patient Monitoring Roundtable wird von INCH Health in Partnerschaft mit dem Institut für Medizinische Informatik der Charité – Universitätsmedizin Berlin organisiert.
Wir danken Johannes Helberger für seine inspirierende Keynote, den Teams von Sound Innovation Lab und Human Factors Consult sowie dem Berliner Simulations- & Trainingszentrum (BeST) und natürlich allen Teilnehmenden für ihren Einsatz!
Und ein besonderer Dank gilt unseren Sponsoren Masimo, Dräger und Philips, deren Unterstützung den Patient Monitoring Roundtable erst möglich macht.